Gesundheitsförderndes Longieren und Reiten – ein paar Gedankenanstöße zu einem umfassenden Thema

Text: Anna Urich – www.reitenmitherz.de

Gesundheitsförderndes Longieren und Reiten berücksichtigt die anatomischen und biomechanischen Gesetzmäßigkeiten, denen jeder Pferdekörper unterworfen ist, mit dem Ziel, das Pferd motiviert, bewegungsfreudig und vor allem langfristig gesund zu erhalten. Wenn man anfängt sich damit auseinanderzusetzen merkt man recht schnell, dass man einige gelernte Sachen schnellstens vergessen und sich auf einen neuen Weg machen sollte.

Anders als oft angenommen ist es nicht Aufgabe der Rückenmuskulatur, einen Reiter zu tragen. Damit die Muskeln des Rückens ungestört arbeiten können, muss das Pferd aktiv mit der Hinterhand Last aufnehmen und die Vorhand anheben. So kann das Pferd den Rücken aufwölben und seinen Reiter ohne krankhafte Folgen tragen.
Was sich in der Theorie logisch und simpel anhört, trifft in der Realität auf Schwierigkeiten. Die Anatomie des Pferdes zeigt eine deutliche Vorhandlastigkeit, da der größte Teil des Gewichtes eben auf der Vorhand liegt. Das bedeutet, dass ein Pferd lernen muss, seine Hinterhand zu aktivieren und den Rücken aufzuwölben. Diese Aktivierung erreichen wir durch Gymnastizieren vom Boden und im Sattel, was zum nächsten Knackpunkt führt: Pferde sind nicht dazu gemacht, auf einem Kreis zu laufen. Die ursprünglichen Pferdeherden grasten und flüchteten bei Gefahr – Pferde laufen also von Natur aus nicht gesund auf einem Kreis und sie haben ohne Menschen auch keinen Grund dazu. Das bedeutet auch hier für den verantwortungsvollen Reiter, dass er es seinem Pferd lehrt, bevor er longiert und dressurmäßig reitet- besonders effektiv ist dazu die Kappzaumarbeit nach dem Longenkurs (www.wege-zum-pferd.de).
Außer der Vorhandlastigkeit des Pferdes gibt es noch ein weiteres anatomisches Faktum: Jedes Pferd hat eine natürliche Schiefe, die beim Menschen der Händigkeit ähnelt. Auch hier liegt es wieder bei uns, das Pferd auf beiden Händen zu sinnvoll zu trainieren, um durch Geraderichtung im Bewegungsapparat Überlastungen und deren Folgen zu vermeiden.

Als Pferdebesitzer und Reiter liegt es in unserer Verantwortung dafür zu sorgen, dass ein Pferd seinen Reiter langfristig ohne gesundheitliche Folgen tragen kann.
Dazu gehört auch zu wissen, wie sich der Pferderücken beim Laufen bewegt, damit wir das Pferd beim Reiten nicht stören! Erschreckend viele Reiter denken, dass sie ihr Becken vor und zurück schieben müssen und so wird es auch fast überall unterrichtet. Aber WIE soll das denn funktionieren? Dann müsste das Pferd erst beide Vorderbeine und dann gleichzeitig beide Hinterbeine aufsetzen (ähnl. einem Schaukelpferd). Aber der Schritt ist ein Viertakt und die Beine bewegen sich einzeln nacheinander. Hinzu kommt, dass sich der lange Rückenmuskel beim Pferd (genaugenommen einer links und einer rechts der Wirbelsäule abwechselnd anspannen und loslassen. Das bedeutet für uns, dass sich die Hüfte des Reiters immer abwechselnd nach links und rechts unten absenkt! Das kann man sehr gut sehen, wenn man hinter dem Pferd hergeht. Lässt man diese Bewegung zu, kann man ganz leicht erspüren wann welches Hinterbein abfußt, weil in dem Moment des Absenkens das jeweilige Hinterbein dazu gehört. Nimmt man es ganz genau bewegt sich das Becken des Reiters wie eine liegende 8 – das resultiert aus der Vorwärtsbewegung. Den meisten Reitern reicht es jedoch schon vollkommen aus sich auf das Links/Rechts in der Hüfte zu konzentrieren, denn wenn man es schafft so locker zu sitzen ist diese Vorwärtsbewegung im Becken praktisch inklusive!

Das bedeutet, dass man mit diesem Wissen ganz gezielt die Pferdebeine durch leichteste Impulse bewegen kann! Es braucht kein Drücken und Quetschen mehr, da bei einem lockeren Sitz automatisch die Wade im richtigen Moment auf die Bauchmuskeln „trifft“- möchte man nun das Hinterbein aktivieren oder in der Richtung verändern, muss man nur einen kurzen Impuls aus der Bewegung heraus geben!

Wichtig: Das Andrücken der Oberschenkel um sicher zu sitzen ist völlig überholt und für das Pferd unangenehm – probiere mal dich von einem Freund links und rechts gleichzeitig andauernd auf die Rippen drücken zu lassen! Du brauchst dich nicht mit den Oberschenkeln festhalten. Ein losgelassener Sitz federt die Bewegungen des Pferdes ab! Komm weg von runterzogenen Hacken- die machen dich ebenfalls fest im Bein! Ein losgelassener Sitz mit federndem Becken und lockerem Bein ermöglicht korrektes und müheloses Aussitzen. Die Hacken federn AUTOMATISCH nach unten ab! Die Zehenspitzen zeigen dabei meist gerade aus, evtl sogar mit Tendenz nach außen! Dass das Zehenspitzen nach innen drehen das Becken und die Beine komplett blockiert merkt man schon, wenn dies ohne Pferd durchgeführt wird! Nur, weil man es mal so gelernt hat und tragischerweise immernoch unterrichtet wird, muss das nicht bedeuten, dass es richtig ist!

Es gibt noch so viel mehr Irrtümer (z.B. Thema Lenken/Zügelführung!!!), die heute noch tagtäglich in den Reitschulen verbreitet werden! Ich kann dazu nur wärmstens das Buch „Bausteine Dressurreiten“ von Corinna Lehmann empfehlen. Es lohnt sich- euer Pferd wird es euch danken!!! Informiert euch und glaubt nicht jedem- ein Trainerschein oder sonstige Lizenz allein sagt nichts aus! Auch eine bestimmte Reitweise ist keine Garantie für gesundes Training. Ich suche mir am liebsten von allem das raus, was für mich logisch und fair für´s Pferd ist…

Text: Anna Urich, 2013 – www.reitenmitherz.de