„Gute Ratschläge“

Text: Anna Urich Reiten mit Herz
Immer wieder berichten Reitschüler von sogenannten „guten“ Ratschlägen ihrer Miteinsteller. Nicht nur als frischgebackener Pferdebesitzer steht man vor dem Problem, dass Mitreiter einem täglich über die Schulter schauen und das Gesehene bewerten.
Häufig kommt es dann ungefragt zu Tipps, Tricks, Ratschlägen oder sogar zu konkreten Anweisungen. Recht schnell merkt man jedoch, dass nicht alles wahr sein kann, was einem da so geraten wurde- spätestens, wenn die Aussagen völlig konträr sind, wie z.B.
– „nur mit Ausbinder longieren“- „niemals mit Ausbinder longieren“
– „am besten gar nicht tölten!“- „nur noch im Tölt arbeiten“
Das geht soweit, dass Menschen Sachen mit ihren Pferden machen, die sie später bereuen, nur um es allen und natürlich auch ihrem Pferd Recht zu machen.
Oft genug hatte ich solche Situationen- vor einigen Jahren habe auch ich dankbar ja gesagt wenn etwas nicht funktionierte- ich habe andere Reiter auf meinem Pferd reiten lassen und habe nachher erst gemerkt, dass es nicht richtig war, was derjenige mit meinem Pferd gemacht hat. Mein Pferd wurde eingeschnürt und longiert, weil dieser Mensch Ahnung hatte und das Pferd ja schließlich das Nachgeben lernen muss. Im Nachhinein schäme ich mich dafür so gehandelt zu haben. Ich möchte direkt an dieser Stelle auch Mut machen, dass wir als Pferdebesitzer auch noch abbrechen können, wenn etwas, dass sich falsch anfühlt, schon angefangen hat. Ich weiß es ist schwer im Reitunterricht oder beim Kurs vom Pferd zu steigen und diese oder jene Art des Reitens bzw. sogar den Trainer zu verneinen. Schließlich haben die Anderen gesagt, sie sei eine richtig gute Trainerin- er hat schließlich einen super Trainerschein, der hat Ahnung! Und sein Geld hat man auch schon längst überwiesen… Doch gerade im Reitunterricht habe ich die Erfahrung gemacht, dass zu viel hingenommen und bedenkenlos umgesetzt wird.
(Kurze Anmerkung, da schon sehr häufig gesehen: Eine Reiterin reitet im Unterricht auf Anweisung des Trainers Volte um Volte, oder auch genannt Kringel um Kringel, weil das Pferd total steif sei oder weil es nicht töltet, oder als Lösung für sonstige Probleme. Die Reiterin ist aber gar nicht im Stande, korrekte Volten zu reiten. Sie zieht einseitig an ihrem (trotz Sperrriemen merkwürdigerweise…) sperrenden Pferd herum, das Pferd kommt noch mehr aus der Balance und so Recht ändert sich eigentlich auch innerhalb der Stunde nicht wirklich was.
Ich habe oft das Gefühl, dass der Ansatz hier so falsch gewählt ist, weil es sich entweder für Trainer und Pferdebesitzer mehr nach Arbeit anfühlt, wenn sie aktiv etwas am Pferd ändern wollen, oder das der Trainer sich vielleicht sogar nicht traut, der 55-jährigen Frau, die ihren Geysir schließlich schon seit 15 Jahren reitet zu sagen, dass sie erst mal an sich, ihren Reiterhilfen und ihrem Sitz, arbeiten muss. Eine letzte Alternative, die nicht unmöglich ist: Weiß der Trainer überhaupt, wie Training sinnvoll aufgebaut wird? Ganz banal: Wie wird so eine Volte eigentlich wirklich geritten? Wann wird welche Hilfe gegeben?
Steht der Trainer für das Wohlergehen des Pferdes oder das Wort des Schülers in der Mitte?
Meiner Meinung nach ist es sehr wichtig davon wegzukommen, alles dankend anzunehmen, was uns jemand über die Reiterei und den Umgang mit dem Pferd erzählt. An aller erster Stelle steht für mich das Bauchgefühl- das hat jeder! Wenn ich meinem Pferd wirklich mal bei der Arbeit in die Augen schaue- was sehe ich da?
Ein Pferd zu besitzen bedeutet eine riesige, aber wunderschöne Verantwortung für ein Lebewesen zu übernehmen. Wir sollten uns dafür sensibel machen, dass Pferde still leiden und einen Starken Willen haben, es dem Menschen Recht zu machen. Wir sollten mutiger werden und hinterfragen, wieso mache ich eigentlich was wie mit meinem Pferd. Wir sollten Aufhören für die Augen von Anderen zu reiten…

Text: Anna Urich, 11.02.2013